Goodbye Spotify
10 Gründe warum ich so nicht mehr Musik hören will
Ich habe es endlich getan. Der Entschluss war eigentlich schon lange gereift, aber die Bequemlichkeit dann doch immer zu groß. Aber jetzt habe ich tatsächlich mein Spotify Abo gekündigt.
Kleiner Disclaimer vorweg: Ich arbeite hauptberuflich als Musiker und Musikproduzent, kenne Spotify also sowohl aus Hörer- als auch aus Künstlersicht. Diesen Text schreibe ich allerdings aus der Perspektive des Musikliebhabers. Als solcher möchte ich einerseits möglichst bequem meine Musik hören können. Auf der anderen Seite aber auch ein System, in dem qualitativ hochwertige Musik florieren kann - und dafür ist natürlich eine angemessene Vergütung der Künstler wichtig. In beiderlei Hinsicht spielt Spotify mittlerweile eine verheerende Rolle. Warum das so ist, möchte ich in diesem Text darlegen.
Dabei steckt hinter Spotify eigentlich eine fantastische Idee. Sämtliche Musik die jemals aufgenommen wurde, immer und überall auf Knopfdruck verfügbar. Und das für eine relativ geringe monatliche Gebühr, mit deren Hilfe Songwriter und Musiker vergütet werden können. Auf jeden Fall besser als dubiose Netzwerke nach illegalen Raubkopien zu durchforsten - immer mit dem Risiko, sich Computerviren oder Abmahnungen von spezialisierten Anwaltskanzleien einzuhandeln. Für die Hörer, für die Künstler, für die Musikindustrie – für alle war Spotify bei der Markteinführung 2012 eine Verbesserung. Win Win Win. Und das auch noch von einem Unternehmen aus Europa. Damals war ich wirklich von ganzem Herzen gewillt, Spotify zu lieben.
Spätestens ab dem Börsengang 2018 hat sich diese Liebe merklich abgekühlt. Eigentlich logisch: Jedes Unternehmen, das an der Börse gehandelt wird, ist in erster Linie seinen Aktionären Rechenschaft schuldig. Der Quartalsbericht muss stimmen und dahinter müssen im Zweifelsfall die Interessen von Kunden (Musikhörern) und Geschäftspartnern (Musiker, Labels, Verlage) zurücktreten. Seither kann man beobachten, dass Spotify alles versucht, um mehr Geld aus dem System herauszuquetschen - auf Kosten Musikhörern, Musikern und Labels. Aus dem einstigen Win Win Win ist inzwischen ein Lose Lose Lose geworden. Heute ist Spotify fatal für Musikhörer, für Künstler und für die Entwicklung der Musik ganz allgemein.
Und hier kommen die 10 wichtigsten Gründe, warum das so ist:
Den ersten und offensichtlichsten Punkt, nämlich dass Spotify viel zu wenig Geld an Musiker und Songwriter ausschüttet, will ich hier nur am Rande noch einmal erwähnen. Es wurde seit Beginn des Streaming Zeitalters immer und immer wieder darüber berichtet. Eine gute Zusammenfassung gibt es hier. Spotify gelobt natürlich Besserung, aber der Trend geht leider in die andere Richtung. Die Preise für ein Spotify Abo steigen zwar, bei den Künstlern kommt aber trotzdem tendenziell immer weniger an. Unter anderem auch wegen Punkt 2.
Anfang 2024 hat Spotify verkündet, dass von nun an Geld nur noch für Songs ausgeschüttet wird, die mehr als 1000 mal pro Jahr gestreamt werden. Einfach so. Klar, da geht es nur um Kleckerbeträge. (Für 1000 Streams zahlt Spotify so um die 3 Euro aus.) Allerdings sind Schätzungen zufolge mehr als 150 Millionen Songs betroffen - die Einsparungen für Spotify dürften also erheblich sein. Abgesehen davon ist es eine unfassbare Respektlosigkeit gegenüber kleineren Künstlern und Newcomern.
Ich mag Podcasts und habe auch gern welche über Spotify gehört. Aber auf meiner Startseite haben Podcasts zuletzt mehr Platz eingenommen als Musik. Spotify konzentriert seine Marketingstrategie seit Jahren auf Podcasts. Der Grund dafür ist einfach: Musik ist in der Regel auf allen Streaming Services verfügbar, bei Podcasts dagegen kann man Exklusiv-Deals abschließen und sich damit von der Konkurrenz abheben. Für diese Exklusivität werden erhebliche Geld-Beträge ausgegeben und dann versucht man das auf der Plattform natürlich auch entsprechend zu platzieren. Musik wirkt mittlerweile fast wie die Gratis-Dreingabe zu den neuesten Podcasts. Ist das ein Problem? Für mich als Musik-Nerd schon. Abgesehen davon schleicht sich über die Podcasts auch wieder Werbung in meine Gehörgänge, für deren Abwesenheit ich doch eigentlich monatlich bezahle.
Wo wir schon bei Werbung sind: Spotify nutzt inzwischen immer offener seine Marktmacht, um Musikern und Labels Geld für mehr Reichweite abzupressen. Die eine Methode dafür sind Promotools wie 'Spotlight' oder 'Marquee'. Ihr kennt sicher diese Banner in der App, die euch auf eine neue Veröffentlichung hinweisen - im Zweifelsfall von irgendeinem Künstler, von dem ihr noch nie gehört habt. Dahinter stecken die genannten Promotools. Diese Banner gibt es selbstverständlich auch in der kostenpflichtigen Spotify Version. Obwohl ihr also für ein werbefreies Spotify bezahlt, werden euch sehr wohl bezahlte Werbeanzeigen angezeigt.
Aber Spotify hat noch eine ‘kreativere’ Methode gefunden, um den Künstlern Geld für Reichweite aus der Tasche zu leiern. Dazu muss man wissen, dass ein Großteil der Streams nicht daher kommt, dass Fans die Musik ihrer Lieblingsbands hören. Der Löwenanteil stammt aus algorithmischen Empfehlungen über Playlisten oder ungefragt abgespielte Musik. (Ihr kennt das – wenn das Album vorbei ist, spielt Spotify einfach weiter Musik, die euch aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht stören wird.) Auf diese Weise hat Spotify natürlich erheblichen Einfluss darauf, was ihr zu hören kriegt. Und macht diesen Einfluss nun zu Geld.
Das System dahinter nennt sich Discovery Mode. Als Künstler hat man die Möglichkeit, eigene Songs auszuwählen, die dann vermehrt über Spotifys Empfehlungsalgorithmen ausgespielt werden. Klingt erst mal gut. Der einzige Haken: Man verzichtet dafür auf 30% seiner Tantiemen. Wenn viele Künstler dieses System nutzen (und man kriegt von Spotify eine Erinnerung nach der anderen) bedeutet das, dass am Ende die algorithmischen Playlisten voll von diesen Songs sind und alle anderen fast keine Reichweite mehr haben. Was wiederum den Druck erhöht, noch mehr Songs in den Discovery Mode zu geben, weil man ja ansonsten gar nicht mehr gespielt wird. Am Ende werden dann alle Songs genauso viel gespielt wie vorher, aber Spotify spart 30% der Auszahlungen ein. Das ist so perfide, dass es fast schon wieder genial ist.
Diese Strategie funktioniert natürlich besonders gut, wenn die Leute auf Spotify möglichst wenig Alben und Playlisten aus der eigenen Bibliothek hören und stattdessen die Empfehlungen des Algorithmus. Und mit jedem Update verändert sich die App in diesem Sinne. (Kyle Chayka beschreibt das treffend im New Yorker.) Die Startseite ist voll von empfohlenen Playlists. Musik aus der eigenen Bibliothek zu hören oder gezielt ein Album zu suchen wird dagegen immer komplizierter. Eigene Playlisten sind neuerdings standardmäßig auf 'Smart Shuffle' eingestellt, was nichts anderes heißt als dass sie durch Empfehlungen von Spotify ergänzt werden. Alles damit Spotify seine Gatekeeper-Funktion noch besser monetarisieren kann.
Aber damit nicht genug. Spotify verändert nämlich nicht nur die Art, wie Musik vergütet und gehört wird – es hat auch immer größeren Einfluss auf die Musik selbst. Ein Song muss 30 Sekunden abgespielt werden, um als Stream zu gelten und dementsprechend vergütet zu werden. Als Musiker kann man also mehr Geld verdienen, wenn man viele kurze Songs anstelle weniger langer veröffentlicht. Seit der Markteinführung von Spotify hat sich die typische Popsong-Länge von 3:40 auf ungefähr 2:50 verkürzt. (Das ist meine subjektive Erfahrung als Musikproduzent. Wissenschaftliche Daten zum Thema gibt’s hier.) Früher populäre Songbestandteile wie das Intro oder die Bridge sind akut vom Aussterben bedroht. Natürlich muss eine solche Entwicklung nicht zwangsläufig negativ sein. Auch in der Vergangenheit haben andere Faktoren wie Vinyl-Länge und Radioformate einen ähnlichen Einfluss auf Popmusik ausgeübt. Aber der Einfluss von Spotify ist weit größer und beeinträchtigt tatsächlich die künstlerische Qualität.
Bei Spotify ist jeder Stream gleich viel Wert. Ganz egal ob es sich um einen Popsong handelt, eine 15-Minütige Progrock-Eskapade mit Orchester und Gospelchor, ein bisschen Klaviergeklimper oder simples Meeresrauschen. Für alles gibt es die selben 0,3 Cent pro Stream. Dabei hören wir Musik auf sehr unterschiedliche Art und Weise. Es gibt Songs, die wir voll und ganz einsaugen, die uns Gänsehaut machen oder Tränen in die Augen treiben. Andere hören wir im Hintergrund zum Putzen oder Schreiben und sind froh, wenn sie hübsch sind und nicht stören. Und manchmal machen wir einfach Meeresrauschen in Dauerschleife an, damit das Baby besser schläft. Wir verbinden mit diesen unterschiedlichen Modi des Musikhörens einen ganz unterschiedlichen Wert. Niemals würden wir für Meeresrauschen genauso viel bezahlen wie für das neue Album unserer Lieblingsband. Aber auf Spotify gibt es diesen Unterschied nicht. Dabei ist der Produktionsaufwand für beispielsweise eine Orchesteraufnahme in keiner Weise zu vergleichen mit dem für ein simples Klavierstück oder 2 Minuten Meeresrauschen. Trotzdem – 0,3 Cent für alles. Das macht es natürlich für Musiker attraktiv, Musik zu machen, die man möglichst billig produzieren kann und die im Hintergrund 'nicht stört'. Solche Musik wird am Ende sogar häufiger gestreamt, weil wir eben öfter Musik im Hintergrund hören und uns nur selten Zeit für bewussten Musikgenuss nehmen. Deshalb überrollt uns eine Schwemme von Lo-Fi Gedudel und generischer Klaviermusik. Damit lässt sich teilweise tatsächlich noch Geld verdienen, weil es schnell und billig gemacht ist und in den entsprechenden Playlisten gut läuft.
Aber bevor nun allzu viel Hoffnung bei den Musikern über die unerwartete Verdienstmöglichkeit aufkommt – auch dafür hat Spotify bereits eine Lösung gefunden. So richtig wasserdicht nachgewiesen wurde es noch nie, aber die Hinweise verdichten sich. Es gibt in genau diesen Easy Listening Genres eine auffallende Häufung von Künstlern, die außerhalb von Spotify gar nicht zu existieren scheinen. Keine Social Media Profile, keine Konzerte. Recherchiert man die Urheber führt die Spur zu einer handvoll Songwritern und Produzenten aus Schweden. (Mehr Infos im zweiten Teil der sehenswerten BR Doku ‘Little Secrets’ oder hier.) Die produzieren offenbar die fraglichen Songs wie am Fließband für mit Spotify verbandelte Labels. Spezielle Deals sorgen dafür, dass für solche 'Geistermusik' nur geringere Tantiemen ausgeschüttet werden. Kein Wunder dass Spotifys Playlisten voll damit sind.
Aber auch das dürfte nur eine Zwischenlösung sein. Denn die KI steht ja bereits in den Startlöchern. Auch die schwedischen Fließband-Produzenten dürften also in absehbarer Zeit arbeitslos werden – und Spotify kann nochmal mehr Geld sparen.
Streaming hat die Art und Weise wie mit Musik Geld verdient wird grundlegend verändert. Früher wurde zum Release eines Albums durch CD-Verkäufe gutes Geld verdient, heute fließen dagegen Cent-Bruchteile jedes mal, wenn jemand einen Song anhört. Als Künstler verdient man also nicht auf einen Schlag viel Geld, über die Jahre kann aber einiges zusammenkommen. Das gilt allerdings auch für alte Songs, die noch zu Zeiten von Vinyl oder CD veröffentlicht wurden. Hits aus den 80ern und 90ern, mit denen damals durch CD-Verkäufe schon ordentlich Kohle gemacht wurde, sorgen nun noch einmal für einen unerwarteten Geldregen bei Künstlern und Labels. Gerade die Labels finden das richtig toll und konzentrieren sich mittlerweile überwiegend auf sogenannte 'Katalogarbeit'. Das heißt sie versuchen die ollen Kamellen über Platzierung in Serien oder mittels TikTok Kampagnen wieder in die Streaming Charts zu hieven. Das ist viel lukrativer als neue Musik zu veröffentlichen, für die ja noch Produktionskosten bezahlt werden müssten. Das Ergebnis ist, dass selbst die großen Labels mittlerweile so gut wie gar kein Geld mehr für Künstleraufbau ausgeben. Als Produzent der viel mit Newcomern arbeitet kann ich diese Entwicklung jeden Tag bestaunen. Ich kenne junge Musiker, die ihr letztes Erspartes auf den Kopf hauen müssen, um Musik zu produzieren, Videos zu drehen, Social Media Kampagnen zu starten. Die Situation ließe sich leicht verbessern, indem neu erschienene Musik einfach besser vergütet wird als das Katalogmaterial. Aber da sowohl Spotify als auch die Labels davon profitieren, wird sich wohl in absehbarer Zeit nichts daran ändern.
Für jemanden der Musik liebt ist das alles schwer erträglich. Das Schlimmste aber ist: Für jeden dieser Punkte gäbe es vielversprechende Gegenmittel, die man implementieren könnte, wenn man nur wollte. (Vielleicht Material für einen weiteren Artikel? Lasst mich wissen ob es daran Interesse gibt.) Aber Spotify geht niemals auch nur einen winzigen Schritt in die richtige Richtung. Im Gegenteil: Mit jedem Update wird die Nutzerfreundlichkeit schlechter und die Behandlung der Künstler noch unverschämter. Deshalb habe ich keine Hoffnung mehr, dass diese 'Enshittification' ein Ende findet und ziehe die Reißleine.
Wie ich künftig Musik höre? Ich habe mich nach einiger Recherche für Tidal entschieden. CDs oder Downloads passen einfach nicht mehr zu meinen Hörgewohnheiten. Und ich kaufe zwar gern Vinyls, höre sie aber zugegebener Maßen eher selten. Und eigentlich ist Streaming ja eine tolle Idee. Wer von Spotify zu einem Mitbewerber wechseln will, muss übrigens nicht auf die mühsam zusammengestellten Musikbibliothek und die eigenen Playlisten verzichten. Mit Hilfe von Tools wie soundiiz.com lässt sich das alles bequem mitnehmen.
Und das ist vielleicht die gute Nachricht zum Schluss: Spotify ist KEIN echter Monopolist. Es gibt Alternativen und der Wechsel ist einfach.





All deine Punkte umtreiben mich auch seit ner Weile. Verschlinge gerade Mood Machine von Liz Pelly und hab eigentlich auch einen Artikel darüber in der Pipeline ... nur irgendwie noch nicht so recht zu Ende gebracht 🙃
Ich hab ein wenig noch auf einen Punkt zu KI gewartet ... aber der kam garnicht! Immerhin etwas, was ich dann noch einmal aufgreifen kann :D
Eine Sache aber: das mit den 0,3 Cent pro Stream. Stimmt das so? Ich glaube/fürchte, es ist viel unübersichtlicher, komplexer und für Indiebands noch unvorteilhafter ... -.-
Aber möchte hier nicht mit der Erbsenzählerei anfangen!
Ich werde Spotify auch dieses Jahr verlassen. Momentan find ich Quboz sieht ganz spannend aus ... aber ... mal schauen. Vielleicht versuche ich es auch mal eine Zeit einfach ganz ohne Streamingplattform und schau, wie sich das anfühlt.
Danke! Ich verlasse mit meiner Musik gerade nach und nach dieses würdelose Unternehmen und trage meine Alben und Songs zu Bandcamp. Mehr aus hygienischen als aus geschäftlichen Gründen. Super Artikel!