Das Freiheits-Paradox
Warum alles vorherbestimmt ist und wir dennoch frei sein können
Unser Leben ist voll von Entscheidungen. Nehme ich Schokoladeneis oder lieber Vanille? Bei welcher Partei mache ich mein Kreuz auf dem Wahlzettel? Trinke ich morgens einen Kaffe oder doch lieber Tee? Manche dieser Entscheidungen treffen wir einfach aus dem Bauch heraus. Über andere grübeln wir lange nach. Aber am Ende legen wir uns fest und dann ist diese Entscheidung auch wirklich die unsere - für die Konsequenzen sind wir selbst verantwortlich, weil wir sie aus freien Stücken getroffen haben.
Das ist in etwa die Idee, die hinter dem Begriff Willensfreiheit steckt.
Manchmal können wir unsere Entscheidungen nicht in die Tat umsetzen. Wenn ich kein Geld in der Tasche habe, ist es ganz egal für welche Eissorte ich mich entscheide - ich kann sie eh nicht kaufen. In einem solchen Fall ist aber nicht meine Willensfreiheit eingeschränkt, sondern nur meine Handlungsfreiheit. Ich kann immer noch frei entscheiden, was ich will, aber nicht entsprechend handeln.
Aber auch die Willensfreiheit kann beeinträchtigt sein. Manchmal entscheide ich mich für etwas, aber die Entscheidung ist in gewissem Sinne gar nicht meine eigene. Ich werde von etwas oder jemandem manipuliert. Trinke ich morgens meinen Kaffee wirklich, weil ich das will? Oder bin ich süchtig nach Koffein? Mache ich mein Kreuz bei der Partei, die ich nach sorgfältiger Abwägung aller Argumente ausgewählt habe? Oder wurde ich von Wahlwerbespots und Social Media Kampagnen beeinflusst?
In Zeiten von Empfehlungsalgorithmen, künstlicher Intelligenz und politischer Spaltung ist die Frage nach der Willensfreiheit so relevant wie nie zuvor. Aber es gibt Stimmen, die unsere Willensfreiheit nicht nur in bestimmten Situationen anzweifeln, sondern viel grundlegender: Sie behaupten, dass es so etwas wie Willensfreiheit prinzipiell gar nicht geben kann.
Skepsis gegenüber der Willensfreiheit gibt es schon seit der Antike. Aber in den letzten Jahrzehnten haben die Skeptiker eine Menge neuer Munition aus den Naturwissenschaften bekommen. Wenn wir über Willensfreiheit sprechen wollen, müssen wir uns also zunächst einmal diese Gegenargumente anschauen und sehen, ob danach noch etwas übrig bleibt, über das es sich zu sprechen lohnt.
Die Kritik kommt aus drei Richtungen, die wir uns der Reihe nach anschauen wollen. Zu jeder Rubrik lasse ich beispielhaft eine/n Vertreter/in zu Wort kommen.
1. Die Physikerin (Sabine Hossenfelder)
Aus der Sicht der Physik besteht die Welt aus Teilchen. Diese Teilchen verhalten sich nach strengen, deterministischen Regeln. Das bedeutet, wenn man alle Teilchen und ihre exakte Postition und Bewegung kennen würde, könnte man theoretisch jeden künftigen Zustand der Welt berechnen. Was morgen oder in hundert Jahren passiert, steht demnach bereits fest. Wir wissen es nur noch nicht, weil wir nicht alle nötigen Informationen haben. (Und weil die Berechnung unfassbar kompliziert wäre.)
Wenn man es genau nimmt ist die Sache ein wenig komplexer. Nach aktuellem Stand der Physik gibt es von den streng determinierten Abläufen immerhin eine Ausnahme - und zwar Quantensprünge. Diese kommen vergleichsweise selten vor und sind komplett zufällig. Sie haben keine Ursache und können auch nicht vorhergesagt werden.
Wenn also die Welt aus deterministischen Abläufen und ein bisschen Zufall besteht, bleibt für Willensfreiheit kein Platz. Denn wenn alles determiniert ist, stehen unsere Entscheidungen schon längst fest. Seit Jahrmillionen ist klar, dass ich mich für Schokoeis entscheiden werde, ich wusste es nur noch nicht. Von Freiheit kann da keine Rede sein, oder? Unser Wille ist festgelegt durch die Naturgesetze.
Und was ist mit den Quantensprüngen? Könnten Sie der Ursprung des freien Willens sein? Wohl kaum, denn sie sind ja zufällig. Sie können durch nichts beeinflusst werden, auch nicht durch unseren Willen. Wenn unser Wille durch puren Zufall zustande kommt, würden wir ihn wohl kaum frei nennen.
Es scheint, als ob eine Welt, die nur aus Determinismus und gelegentlichem Zufall besteht, für Willensfreiheit einfach keine Angriffsfläche bietet.
Wer sich das Dilemma von einer echten Physikerin erklären lassen will, dem empfehle ich dieses Video von Sabine Hossenfelder:
2. Der Biologe (Robert Sapolsky)
Ein verwandter Einwand kommt aus der Biologie. Die Forschung hat in letzter Zeit große Fortschritte gemacht, zu entschlüsseln, welche Faktoren unser Verhalten beeinflussen. Eine große Rolle spielen natürlich unsere Gene. Aber darüber hinaus gibt es ein komplexes System an biochemischen Reaktionen in unserem Körper. Auch wenn es uns nicht bewusst ist - Hormone, Botenstoffe und epigenetische Faktoren wirken permanent auf unsere Entscheidungen ein. Studien zeigen, dass Richter härtere Strafen verhängen je länger ihre letzte Mahlzeit her ist. Dieses und viele weitere solche Beispiele führt der Neurobiologe Robert Sapolsky in diesem Gespräch mit Neil deGrasse Tyson an.
Sapolskys Schlussfolgerung: Wenn unsere Entscheidungen durch biochemische Prozesse gesteuert werden, bleibt für Willensfreiheit kein Platz. Wir sollten uns besser damit abfinden. Mit allen Konsequenzen. Dass nämlich letztlich niemand selbst für seine Entscheidungen verantwortlich ist.
3. Der Neurowissenschaftler (Benjamin Libet):
Die Hirnforschung liefert ein weiteres Argument gegen die Willensfreiheit. Es basiert auf einem Experiment von Benjamin Libet aus dem Jahr 1979. Die Probanden wurden gebeten, zu einem selbst gewählten Zeitpunkt eine einfache Handbewegung auszuführen. Anschließend sollten sie auf einer Art Uhr den Zeitpunkt angeben, zu dem sie entschieden hatten die Bewegung auszuführen. Es stellte sich heraus, dass man bereits vor diesem Zeitpunkt eine erhöhte Gehirnaktivität messen konnte. Das Experiment wurde seitdem in zahlreichen Varianten wiederholt und es bestätigt sich immer wieder: Neurowissenschaftler können Entscheidungen von Probanden vorhersagen, bevor diese sich ihrer bewusst sind.
Der Einwand aus der Neurowissenschaft unterscheidet sich ein wenig von dem aus Biologie und Physik. Der Punkt ist nicht, dass unsere Entscheidungen von anderen Faktoren determiniert werden, sondern dass sie außerhalb unseres Bewusstseins entstehen. Eine solche unbewusste Entscheidung kann nicht unter unserer Kontrolle stehen, oder? Wir werden uns ihrer nur nachträglich bewusst und rationalisieren sie dann, um uns die Illusion eines freien Willens zu erschaffen.
Es sieht also nicht gut aus für den freien Willen. Alle drei Einwände basieren auf naturwissenschaftlicher Forschung und sind in ihren jeweiligen Disziplinen weitgehend Konsens. Wissenschaftler aus unterschiedlichen Disziplinen wie Yuval Noah Harari, Neil deGrasse Tyson, Sam und Annaka Harris ziehen die Konsequenz, dass wir uns von der Idee eines freien Willens verabschieden müssen.
Aber in der Philosophie erfreut sich der freie Wille nach wie vor großer Beliebtheit. Wie kann das sein? Werden die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse einfach nicht ernst genommen?
Ich behaupte, dass es trotz der Argumente der Skeptiker weiterhin gute Gründe gibt, an der Idee eines freien Willens festzuhalten. Das Konzept dahinter nennt man in der Philosophie ‘Kompatibilismus’. Demnach sind Willensfreiheit und Determinismus miteinander vereinbar. Aber wie soll das funktionieren? Wenn unsere Entscheidungen vorherbestimmt sind, wie können sie zugleich frei sein? Schauen wir es uns an.
Geist in der Maschine
Den Argumenten der Skeptiker liegt eine bestimmte Vorstellung von Willensfreiheit zu Grunde. Nämlich dass Willensfreiheit dann vorliegt, wenn etwas ganz bestimmtes in unserem Kopf Kontrolle über unseren Willen hat. Aber was genau ist dieses Etwas? Unser Bewusstsein? Unsere ‘Seele’? Unser ‘wahres Ich’?
Diese Worte sind schwammig. Aber intuitiv haben wir eine ziemlich gute Vorstellung davon, was mit einem solchen ‘Ich’ gemeint ist. Im Disney Film ‘Soul’ ist unsere naive Vorstellung gut dargestellt. Dort leben die Seelen der Menschen nach dem Tod als plüschige Geistwesen weiter. Sie behalten alle Charaktereigenschaften und Persönlichkeitszüge aus dem Leben, haben eben nur keinen Körper mehr. So stellen wir uns unser ‘wahres Ich’ vor. Ein immaterielles Wesen, das in unserem Körper sitzt wie in einer Schaltzentrale, aber gleichzeitig von ihm unabhängig ist.
So naiv diese Vorstellung sein mag - so tief steckt sie in unseren Köpfen. Was ist denn dieses Ding, das bei Kafka plötzlich nicht mehr in Gregor Samsas Körper steckt sondern in einem Käfer? Der Kern in uns, den Descartes meinte, als er sagte ‘ich denke, also bin ich’.
Der britische Philosoph Gilbert Ryle nannte dieses körperlose Ich den ‘Geist in der Maschine’. Und er war der Überzeugung, dass wir diese naive Vorstellung überwinden müssen. Tatsächlich: Wenn wir genauer darüber nachdenken, bekommt unsere Intuition schnell Risse. Gregor Samsa kann nicht plötzlich ein Käfer (inklusive ‘Käfergehirn’) sein und dennoch auf mysteriöse Weise ‘er selbst’ bleiben. Und auch aktuelle Ergebnisse aus der Hirnforschung deuten darauf hin, dass ein solches ‘Geist-Ich’ eine Illusion ist. (Das ist ein andere Thema, das ich hier nicht im Detail besprechen kann. Aber wer sich dafür interessiert, dem empfehle ich das Büchlein ‘Conscious’ von Annaka Harris.)
Es scheint mir aber, dass die Art von Willensfreiheit, gegen die Hossenfelder, Sapolsky & Co. argumentieren, auf der Vorstellung eines solchen ‘Geist-Ich’ beruht. Willensfreiheit liegt für sie dann vor, wenn das ‘Geist-Ich’ ohne Beeinflussung frei entscheiden kann. Es darf also keine physikalischen oder biochemischen Ursachen für eine Entscheidung geben, denn ansonsten hat das ‘Geist-Ich’ sie nicht allein hervorgebracht. Jede Entscheidung müsste aus einem immateriellen Ich heraus in die materielle Welt plumpsen - ohne vorhergehende Kausalkette. Das ist natürlich nach den Gesetzen der Physik nicht möglich.
Wenn es den Skeptikern also darum geht, zu zeigen, dass es eine solche ‘Geist-Ich-Willensfreiheit’ nicht gibt, sind sie erfolgreich. Das ist allerdings wenig überraschend, weil es ja in einem naturalistischen Weltbild ein immaterielles ‘Ich’ ohnehin nicht geben dürfte. (Vertreter einer solchen ‘Geist-Ich-Willensfreiheit’ nennt man in der Philosophie Libertarier. Davon gibt es noch immer einige Wenige, z.B. Roderic Chisholm, und für sie sind die Einwände der genannten Naturwissenschaftler ein echtes Problem.)

Aber ist das wirklich die Art von Willensfreiheit, um die es uns geht? Stellen wir uns eine solche freie Entscheidung nach Hossenfelder, Sapolsky & Co. einmal vor: Sie dürfte ja nicht einmal aus guten Gründen gefällt werden. Denn Gründe sind ja Ursachen in der Außenwelt. Es gäbe dann eine Kausalkette, die zu meiner Entscheidung führt. Meine Entscheidung wäre also nicht frei, wenn ich Gründe dafür habe. Auch meine im Gehirn gespeicherten Erinnerungen dürften keine Rolle spielen. Kein Nachdenken oder Abwägen, das ja ebenfalls ganz physisch in unseren Synapsen stattfindet. Eine solche ‘unverursachte’ Entscheidung wäre reine Willkür - man könnte genauso gut würfeln. Das ist doch nicht das, was wir uns unter Willensfreiheit vorstellen.
Ich glaube das Gegenteil ist der Fall. Wir nennen eine Entscheidung dann frei, wenn wir sie nach sorgfältigem Abwägen aus innerer Überzeugung heraus gefällt haben. Nichts davon muss außerhalb der physikalischen Welt stattfinden. In Wirklichkeit sind wir eben nicht Geister in der Maschine, sondern Wesen aus Fleisch und Blut. Wir bestehen aus Muskeln und Knochen und Nervenzellen und ja, auch aus Genen und Hormonen. Unsere Angewohnheiten und Vorlieben, unsere Erinnerungen, unsere ganze Persönlichkeit ist codiert in einer komplexen Matrix aus Kohlenstoffverbindungen. Das ist unser wahres ‘Ich’. Was genau dazu gehört und was nicht, ist nicht leicht zu sagen. Womöglich sind die Übergänge fließend. Aber dieses physische Ich kann natürlich Entscheidungen treffen. Und diese Entscheidungen machen sehr wohl einen Unterschied in der Welt.
Wenn man sich das ‘Ich’ auf diese Weise vorstellt, ist der Kompatibilismus, also die Vorstellung dass Willensfreiheit und Determinismus sich gar nicht widersprechen, gar nicht mehr so rätselhaft.
Freiheit und die Naturgesetzte
Der Kompatibilist glaubt also genau wie die Skeptiker, dass Willensfreiheit bedeutet dass ‘Ich’ die Kontrolle über meinen Willen habe. Er ist nur der Meinung, dass dieses ‘Ich’ ein Teil der physischen Welt ist. Und damit eingebunden in Kausalketten, die wiederum von deterministischen Naturgesetzen bestimmt werden. Er sieht Gene, Hormone, Erfahrungen und Prägungen nicht als Einflussfaktoren von Außerhalb, sondern als Teil des Ich. Meine Entscheidung ist frei wenn ich sie treffe, weil ich so bin wie ich bin.
Aber gibt es da nicht ein anderes Problem? All diese Kausalketten lassen sich ja weiter zurückverfolgen, bis wir irgendwann doch wieder außerhalb des ‘Ich’ angekommen sind. Ich entscheide mich für Schokoeis, weil ich es als Kind immer gern gegessen habe. Und ich habe es als Kind gegessen, weil meine Eltern es mir gegeben haben. Man könnte diese Kette weiter zurückverfolgen bis zum Urknall. Folglich bin ja doch nicht ich der Urheber meiner Entscheidung, sondern meine Eltern. Oder der Urknall? Ich bin nur das letzte Glied in einer langen Kausalkette.
Dieser Einwand beruht auf der Behauptung, dass etwas nur dann frei sein kann, wenn es nicht durch etwas anderes verursacht ist. Dafür müsste es außerhalb der Naturgesetze stehen. Jede Freiheit wäre sozusagen ein magischer Akt.
Aber das ist nicht, wie wir das Wort ‘frei’ normalerweise verwenden. Wir sagen, dass ein Häftling wieder frei ist, dass die Presse frei ist oder ein Zahnrad in einem Getriebe. Wir meinen damit nicht, dass für diese Dinge die Regeln von Ursache und Wirkung nicht gelten. Wenn das Wort ‘frei’ - nicht nur in Willensfreiheit sondern ganz allgemein - irgendeine Bedeutung haben soll, dann kann es nicht ‘außerhalb der Naturgesetze stehend’ bedeuten.
Im selben Sinne kann auch unser Wille frei sein, obwohl er das Ergebnis von endlosen Kausalketten aus der Vergangenheit ist.
Aber wie genau ist diese Freiheit zu verstehen? Auf diese Frage haben Philosophen unterschiedliche Antworten gegeben, die den Rahmen dieses Textes sprengen würden. In diesem Text beschränke ich mich darauf, die Sichtweise des Kompatibilisten verständlich zu machen. Und dafür ist lediglich wichtig, dass es Arten von Freiheit geben kann, die mit einem deterministischen Universum gut vereinbar sind.
Zusammenfassung
Im Grunde hat der Kompatibilist keine Einwände gegen die Argumente der Skeptiker. Wenn man die Naturwissenschaften ernst nimmt, kann man nur zu dem Ergebnis kommen, dass es eine naive ‘Geist-Ich-Willensfreiheit’ nicht geben kann.
Stattdessen bezweifelt der Kompatibilist, dass das, was die Skeptiker widerlegt haben wirklich den Kern dessen trifft, was wir gewöhnlich mit Willensfreiheit meinen. Das ‘Ich’ ist kein körperloser Geist in der Maschine, sondern ein Teil der physischen Welt. Und Freiheit kann nicht bedeuten, dass etwas außerhalb der Gesetze von Ursache und Wirkung steht. Wenn man Willensfreiheit so versteht, löst sich der Widerspruch zwischen Willensfreiheit und Determinismus auf.
Natürlich können die Skeptiker darauf beharren, dass das kompatibilistische Modell nicht wirklich Willensfreiheit beschreibt, sondern etwas anderes. Aber das ist nur ein Streit um Worte. In diesem Fall müsste man für die kompatibilistische Willensfreiheit ein neues Wort erfinden. Denn sie ist diejenige, die für uns von höchster Relevanz ist.
Wir leben in einer Welt, in der wir überall mit Werbung und Propaganda bombadiert werden, in der Algorithmen trainiert werden, um unser Verhalten zu manipulieren, in der unsere Demokratie unter Beschuss steht und wir Haltung und Rückgrad zeigen müssen. Niemals war es wichtiger, ein Konzept von Willensfreiheit zu haben, das es uns erlaubt, zwischen freier Entscheidung und Manipulation zu unterscheiden. Und mit dessen Hilfe wir uns und andere verantwortlich machen können.
Sapolsky legt im oben verlinkten Gespräch mit Neil deGrasse Tyson dar, dass niemand für seine Entscheidungen verantwortlich ist. Aber das ist Unsinn. Auch wenn meine Entscheidungen Ursachen haben und viele davon außerhalb von mir liegen, sind sie doch meine eigenen. Ich hätte mich anders entschieden, wenn ich anders wäre. Ich treffe meine Entscheidungen weil ich bin wie ich bin. Und deshalb macht es auch Sinn, mich dafür zu entschuldigen, wenn ich Mist gebaut habe. Oder stolz zu sein, wenn ich etwas gut gemacht habe. Für all das brauchen wir Willensfreiheit und wir sollten Sie nicht so einfach aufgeben.
Und jetzt?
Ich hoffe, deutlich gemacht zu haben, dass es eine Willensfreiheit geben kann, die von den Argumenten der Skeptiker nicht berührt wird. Aber wie genau sieht diese Willensfreiheit aus? Was bedeutet ‘frei’ innerhalb einer Welt von Ursache und Wirkung? Was genau gehört zu diesem physischen ‘Ich’, das den Willen kontrolliert? Erinnerungen? Traumata? Hormone? Was wenn die Hormone als Medikament verabreicht werden? Wie sieht es mit Drogen aus? Und was ist eigentlich mit dem Libet-Experiment? Müssen unsere Entscheidungen nicht zumindest bewusst gefällt werden, um wirklich frei zu sein?
All diese Fragen müssen hier als kleiner Cliffhanger stehen bleiben. Denn wenn wir Willensfreiheit wirklich verstehen wollen, war dies erst der Anfang. Die größten Schwierigkeiten stehen uns noch bevor.
Teil II folgt also demnächst. Wer ihn nicht verpassen will, drückt hier den Abo Button. Aber bitte nur aus freier Entscheidung.



Ein sehr spannender Artikel; das Thema Willensfreiheit finde ich sehr interessant. Ich selbst zähle mich auch eher zu den Skeptikern einer Willensfreiheit.
Ich hätte eine Frage (ich habe die Fortsetzung noch nicht gelesen, falls meine Frage dort beantwortet wird muss ich mich entschuldigen):
In dem Artikel stellst du die Frage, ob Midjourney einen freien Willen hat. Ich persönlich würde die Frage mit "Nein" beantworten, doch legt das Ende deines Artikels für mein Verständnis nahe, dass du diese Frage mit "Ja" beantworten würdest? Sehe ich das richtig, und falls nicht - was unterscheidet Midjourney von einem Menschen, außer dass sein Körper aus Metall und Elektronik besteht statt Fleisch und Blut?
Darauf aufbauend, eine weitere Frage: Midjourney ist Code, der auf einem Computer ausgeführt wird. Im Grunde genommen könnte man diesen Code, statt ihn auf einem Computer auszuführen, auch mit Stift und Papier berechnen - auch wenn das natürlich unglaublich lange dauern würde. Wäre es für dich freier Wille, wenn ich die Antwort auf einen Midjourney-Prompt mit Stift und Papier ausrechne? Wie würde es aussehen, wenn ich ein menschliches Gehirn mit Stift und Papier simulieren würde - hätten dann Stift und Papier aus deiner Sicht freien Willen?
Ich gehöre - wie Sapolsky oder (für mich besonders einflussreich) Sam Harris - zu den Bezweiflern einer Willensfreiheit. Schon zu diesem Text hätte ich einiges zu sagen, beschränke mich aber in gespannter Erwartung von Teil 2 zunächst mal auf ein Lob: Die Kritik an libertären Konzept der Willensfreiheit wurden fair wiedergegeben.
Einzige Anmerkung: Nicht Sapolsky & Co setzen diese eher überholte Sicht auf die Willensfreiheit voraus, sondern sie beschäftigen sich deswegen so intensiv damit, weil es immer noch die landläufig verbreitete ist.
Bis dein Teil 2 kommt, bin ich mal so frei, hier zwei Texte von mir zu verlinken, in denen ich die Willens(un)freiheit und einige Konsequenzen daraus behandele.
https://felixboelter.substack.com/p/freier-mangels-freiem-willen
https://felixboelter.substack.com/p/weiterdenken-43-stolz
Und nun warte ich gespannt auf die Fortsetzung. :)